„Soll man einen alten Hund überhaupt noch operieren lassen? Das zahlt sich doch nicht mehr aus.“ Solche Sätze hören Tierärztinnen und Tierärzte immer wieder, wenn es um Tumor-Operationen bei älteren Hunden geht. Doch das Alter allein ist kein Grund, auf einen medizinisch sinnvollen Eingriff zu verzichten. Fünf Fälle aus der Tierklinik Ismaning zeigen, wie sehr ältere Tiere von einer Operation profitieren können ‒ auch bei komplexen Diagnosen.

Merida (9): Zwei komplexe Operationen bei einer Senior-Hündin
Die neunjährige Mischlingshündin Merida zeigte zunehmend Atemgeräusche und Leistungsschwäche. Es bestand der Verdacht auf eine Larynxparalyse, eine Lähmung des Kehlkopfes. Diese Erkrankung schreitet stetig voran und kann zum Erstickungstod der Patienten führen. Ebenso steigt das Risiko für eine lebensbedrohliche Lungenentzündung durch Inhalation von Futter oder Speichel (Aspirationspneumonien). Meridas Besitzer zögerten nicht, sodass sie in einer anspruchsvolle Operation eine Weitstellung des Kehlkopfes auf einer Seite erhielt (Lateralisation des Aryknorpels). Die Hündin erholte sich hervorragend und konnte bereits nach einer Nacht wieder nach Hause.
Drei Monate später tasteten die Besitzer einen Knoten im Gesäuge. In der Bildgebung zeigte sich neben den Gesäugetumoren auch noch ein Leber- und ein Milztumor, die binnen kurzer Zeit entstanden waren. Erneut wurde Merida aufwändig operiert: die betroffene Gesäugeleiste und die Milz sowie der betroffene Leberlappen wurden chirurgisch entfernt. Merida wurde abermals nach nur einer Nacht auf unserer Station bei hervorragendem Allgemeinbefinden entlassen.
Die Gewebeuntersuchung zeigt: alle Knoten waren gutartig. Merida genießt uneingeschränkt ihr bestes Senioren-Hundeleben.
Maila (10,5): Notoperation bei gerissenem Nebennierentumor
Schäferhündin Maila (10 ) wurde uns im Notdienst vorgestellt. Sie zeigte außergewöhnlich plötzliche (perakute) Beschwerden: Darunter reduziertes Allgemeinbefinden bis Apathie, sie wollte sich nicht ablegen, war offensichtlich schmerzhaft und verweigerte das Futter.
Die durchgeführte Bildgebung (Röntgen, Ultraschall und Computertomografie) erklärte die Symptome: ein bis dahin nicht bekannter Nebennierentumor rechts war gerissen (rupturiert) und blutete nun Richtung Rücken hinter dem Bauchraum ein (in den Retroperitonealraum).
Mailas einzige Chance war ein sofortiger, anspruchsvoller Eingriff, bei dem der Tumor entfernt und die Blutungen gestillt wurden. Die Operation verlief erfolgreich. Maila erholte sich zunächst zwei Tage auf Station und anschließend zu Hause sehr gut. Ihre Besitzer berichten: „Maila geht es endlich wieder richtig gut. Wir freuen uns sehr über die gemeinsame Zeit. Sie spielt wieder, geht gerne Gassi und ist genauso fröhlich und lustig wie früher.“ Auch ein halbes Jahr nach der OP haben sie gute Nachrichten: „Der letzte Ultraschall war zum Glück ohne Befund und danach waren wir mit den Hunden zusammen im Ferienhaus in Italien. Wir genießen jeden einzelnen Tag mit ihr und sind unendlich dankbar dafür! Wir hoffen, dass Sie mit unserer Geschichte auch anderen Mut machen können.“

Mo (9): Beinamputation beim alten Hund wegen Oberschenkeltumor
Für eine Zweitmeinung in der Tierklinik Ismaning nahmen Mo, ein neunjähriger Mischlingsrüde, und seine Besitzer eine mehrstündige Fahrt auf sich. Der kleine Rüde hatte am linken Hinterbein einen fußballgroßen, bösartigen Tumor der Oberschenkelmuskulatur. Eine gliedmaßenerhaltende Operation kam aufgrund der massiven Ausdehnung aus medizinischer Sicht nicht mehr infrage.
Die einzige Möglichkeit bestand in einer hohen Amputation der betroffenen Gliedmaße im Hüftgelenk mit einer anschließenden Hautlappenplastik, um den großen Hautdefekt wieder zu verschließen. Ein komplexer Eingriff, der andernorts abgelehnt worden war.
In der Voruntersuchung zeigte sich noch ein weiterer, kleiner Hauttumor am Vorderbein. Mo war ansonsten topfit, sodass er die mehrstündige Operation problemlos wegsteckte. Auch als Dreibein genießt er sein Leben in vollen Zügen.
Die Kontrolluntersuchung mit Computertomografie 3 Monate später: keine Metastasen, kein Rezidiv. Die Operation ermöglichte Mo und seinen Eigentümern noch eine wertvolle gemeinsame Zeit.


Ayla (7): Mehrstündige Tumor-OP mit Happy End
Hündin Ayla musste aufgrund mehrerer Befunde operiert werden: Sie hatte einen pflaumengroßen Hauttumor am rechten Mittelfußknochen (Hämangioperizytom). Zusätzlich hatte sie einen Hautknoten am Brustbein (Mastzelltumor) und knotige Veränderungen der Milz.
In einer mehrstündigen Operation wurden deshalb viele Eingriffe zusammengefasst:
- Die Entfernung der Mastzelltumore am Brustbein und der Milz.
- Die Entfernung des Hautumors am Mittelfußknochen: Dort ist zu wenig Haut vorhanden, um den Defekt nach einem umfangreichen Eingriff wieder direkt zu vernähen. Deshalb wurde ein Hautlappen an der Innenseite des rechten Unterschenkels präpariert. Nach der Entfernung des Tumors am Mittelfußknochen wurde dieser über das Sprunggelenk nach unten außen rotiert, um die Hautwunde zu verschließen. Am Unterschenkel kann der Hautdefekt primär verschlossen werden. Der Vorteil dieser OP-Methode besteht darin, dass die Hautplastik ihr eigenes Gefäß „mitbringt“ und gute Chancen hat, problemlos einzuheilen. Die Gewebeuntersuchung bestätigte, dass ausreichend Sicherheitsabstand zur Tumormasse eingehalten werden konnte.
Heute ist Ayla beschwerdefrei und konnte wenige Wochen nach dem Eingriff den gemeinsamen Familienurlaub auf Sylt genießen.


Peggi (15): Tumor an der Pfote ‒ Lebensqualität im hohen Alter
Retriever-Hündin Peggi wurde uns vorgestellt, weil sich an ihrer linken Vorderpfote eine große Geschwulst gebildet hatte. Die Umfangsvermehrung bestand bereits seit mehr als zwei Jahren. Andernorts wurde zum Abwarten geraten. Inzwischen war die Umfangsvermehrung jedoch so groß geworden, dass sie am Boden schleifte, aufriss und Peggi immer wieder daran schleckte. Eine vollständige Entfernung der Geschwulst war wegen der Größe, der Lage und der Invasivität des Tumors nicht mehr möglich. Eine Gliedmaßenamputation will beim schweren älteren Hund gut überlegt werden, sodass in Peggis Fall eine palliative Operation geplant wurde.
In einem zytoreduktiven Eingriff wurde der Tumor so weit als möglich entfernt. Ein direkter Wundverschluss war nicht spannungsfrei möglich, sodass eine sekundäre Wundheilung unter speziellen Wundauflagen genutzt wurde. Ziel war es, Peggi mehr Lebensqualität zu geben und die störende, schleifende und schmerzhafte Masse an der Pfote zu entfernen.
Unser Tierärtzeteam war beeindruckt, wie gut und schnell die Heilung selbst bei einer älteren Tumorpatientin abläuft. Währenddessen erfreut sich Peggis Besitzerin daran, wie gut es ihrer Hündin nach der Operation geht.

FAZIT: ES GEHT NICHT UMS ALTER – ES GEHT UM EIN LEBEN
Ob eine Operation sinnvoll ist, hängt nicht primär vom Alter unserer Patienten ab. Individuell wird für jeden Patienten besprochen, welche Befunde vorliegen und welche Prognose erwartet werden kann.
FAQS
Es gibt keine Zahl, die diese Frage beantwortet. Unterschiedlich große Tiere haben unterschiedliche Lebenserwartungen. Vereinbaren Sie gerne einen Termin, damit wir individuell für Ihr Tier prüfen können, ob ein erhöhtes Narkoserisiko vorliegt und welche Behandlung ratsam ist.
Ohne bestehende Grunderkrankungen ist ein Narkoserisiko eines älteren Patienten nicht automatisch höher als das eines jüngeren Patienten. Abhängig von den klinischen Befunden, der Herzuntersuchung und der Blutuntersuchung wird für jeden Patienten ein angemessenes Narkoseregime gewählt. Es stehen und sowohl verschiedene Medikamente als auch verschiedene Dosierungen zur Wahl. Sollte es trotz aller gebührender Sorgfalt zu einem Narkosezwischenfall kommen, ist unser Team hierfür optimal geschult. Viele unserer Kollegen sind RECOVER-zertifiziert. Es handelt sich um eine Ausbildung und Prüfung entsprechend der international gültigen Reanimationsmaßnahmen.
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt gutartige und bösartige Tumoren, zumeist benötigen beide eine Therapie. Ob das jedoch eine chirurgische Therapie oder eine Strahlentherapie oder eine medikamentöse Therapie (Chemotherapie) sein sollte, kommt auf die Art des Tumors an. Für eine sorgfältige Planung sollten Tumore beprobt werden. Eine Punktion (Feinnadelaspiration) ist oftmals im wachen Zustand des Tieres möglich und wenig invasiv. Alternativ wird eine Gewebeprobe (Biopsie) entnommen. Mit den dann vorliegenden Ergebnissen lässt sich planen, welche Therapie in welchem Ausmaß ratsam ist.
Allgemein entspricht die Voruntersuchung einer Operation einem Alters-Check-Up. Eine gründliche klinische Untersuchung mit Fokus auf systematisches Abhören von Herz und Lunge und eine umfangreiche Blutuntersuchung sind die Mindestanforderung. Idealerweise erfolgt ein Bauchultraschall. Viele Bauchhöhlenorgane können mit keinem Blutwert erfasst werden, sodass die Bildgebung der einzige Weg zur Abklärung ist. Röntgenbilder vom Brustkorb zeigen Massen in der Lunge, schon bevor der Patient überhaupt Symptome zeigt. Fallbezogen kann auch eine Computertomografie oder Magnetresonanztomografie sinnvoll sein.
Egal in welchem Alter raten wir Operationen nur dann an, wenn ein Benefit für unseren Patienten zu erwarten ist. Das kann heißen, dass ein Milztumor entfernt wird, bevor dieser aufplatzt und der Patient potentiell daran verbluten kann. Das kann heißen, dass ein Analbeuteltumor entfernt wird, bevor er in die Lunge oder Lymphknoten streut und bevor der Kotabsatz nicht mehr möglich ist. Das kann auch heißen, dass eine Chemotherapie einen Tumor zurückdrängen oder im Zaum halten kann. Andere Tumore können durch Strahlentherapie komplett geheilt werden. Vereinbaren Sie gerne einen Termin zur Zweitmeinung, wenn Sie sich unsicher sind.